Schulöffnung mit "Respekt und Sorgfalt"? Das Gegenteil ist der Fall!

Lehrerin mit Maske vor Tfel
Schulöffnung mit "Respekt und Sorgfalt", Herr Faßmann? Bildnachweis am Seitenende

Keine Spur von "Respekt und Sorgfalt" sehen Lehrer*innen im Zusammenhang mit den Schulöffnungen ab 17. Mai. Die Testungen erfolgen mit nicht zuverlässigen Testmethoden, Abstands- und Quarantäneregeln könnten nicht auf einem sicheren Standard eingehalten werden und - was den Respekt anlangt - die Information der Lehrer*innen erfolgt in der Hauptsache über die Medien. In einem Offenen Brief haben sie ihre Kritik an BM Faßmann zusammengefasst.

 

Die Schlussfolgerung der Kolleg*innen:
"Es mutet schon etwas skurril an, dass wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben, dass das Bildungsministerium über die Mailadressen, die alle Lehrkräfte extra vom Bund vor Jahren erhalten haben, nur halbrelevante Infos verschickt. Die wirklich wichtigen Infos betreffend unsere Arbeit bekommen wir aus den Pressekonferenzen bzw. der ZIB.

 

Wir sind wirklich im Grunde unsres Herzens Lehrkräfte aus Begeisterung und Überzeugung, aber ständig wieder von „ganz oben“ mit offensichtlichen Unwahrheiten über die Medien konfrontiert zu werden, während man sich für den „Hybridunterricht“ zerreißt (und es gibt sehr, sehr viele Lehrkräfte, die sich wirklich bemühen, hier trotz allem ordentlichen Unterricht zu ermöglichen), zermürbt auf Dauer.

 

Im Sinne eines Schulwesens, das die Kinder für die Zukunft stärkt, wünschen wir uns hier offenere Kommunikation sowie weitergehende sinnvolle, die Gesundheit aller Beteiligten (und deren Angehörigen) unterstützende Maßnahmen."

 

Zum Weiterlesen der Wortlaut des Offenen Briefes:

 

"Betrifft: Vollbetrieb an Schulen unter Voraussetzung regelmäßiger Testungen und die Bedeutungsebenen von „Respekt und Sorgfalt“

 

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
Sehr geehrter Herr Bildungsminister,
Sehr geehrter Herr Gesundheitsminister,
Sehr geehrter Herr Gewerkschaftsvorsitzender,
Sehr geehrter Herr Generalsekretär,


in der Pressekonferenz vom 24. April 2021 zum geplanten Vollbetrieb an Schulen, äußert Bildungsminister Faßmann, die Schulen würden ab 17. Mai 2021 mit  „Respekt und Sorgfalt“ geöffnet. Aus virologischer Sicht sei ein Vollbetrieb aufgrund sinkender Infektionszahlen und vermehrter Testungen an Schulen vertretbar.


Wir möchten nun der Frage nachgehen, was in diesem Fall mit „Respekt und Sorgfalt“ gemeint sein könnte.


Jene Selbsttests,
die als Voraussetzung für die Öffnung des Schulbetriebes gelten, sind – wie auch die Regierung einräumt – nicht zuverlässig und sie können an Schulen nicht sicher durchgeführt werden.


Unser Bildungsminister hat in diesem Semester wiederholt von sensitiveren Tests gesprochen, die in Schulen zum Einsatz kommen sollen, faktisch verwenden wir jedoch dieselben Tests, durch die bestenfalls hochinfektiöse Personen gefunden werden können, seit Semesterbeginn.


Die Selbsttests werden von Lehrenden angeleitet, kontrolliert und eingesammelt – was selbstverständlich und ohne Dank vorausgesetzt wird – obwohl wir keine medizinische Ausbildung haben und unsere Vorbereitung zur Anleitung der Tests Video-Tutorials und die Packungsbeilage sind. Für eine ordnungsgemäße Durchführung der Tests (in Gruppen, ab 17. 05. dann zwischen 20–30 Personen gleichzeitig, dicht an dicht sitzend!) wagen wir trotz eifriger Bemühungen nicht zu garantieren.


Laut Packungsbeilage soll zwischen Personen, die getestet werden, ein Abstand von ein bis zwei Metern bestehen. Im Vollbetrieb ist es nicht einmal möglich,
diese elementare Sicherheitsmaßnahme umzusetzen – Schulen mit über tausend Schüler*innen können für die Testung im städtischen Bereich auch nicht einfach in den zu kleinen Schulhof oder ein Nebengebäude wechseln.


Vor den Tests sollten sich die Testpersonen (laut Anleitung) schnäuzen,
damit aussagekräftigeres Probenmaterial aus dem vorderen Nasenbereich abgenommen werden kann. Eine Schulärztin hat uns jedoch (sogar im Schichtbetrieb) davon abgeraten, Schüler*innen zu bitten, sich zu schnäuzen, da dies zu gefährlich für Gruppen, die sich in geschlossenen Räumen aufhalten, sei. Da rumort die Frage, was mit „Respekt und Sorgfalt“ gemeint sein könnte, besonders stark.


Bei einem Teststraßenbesuch kann man erfahren, was passiert, wenn eine Person positiv auf Covid getestet wird – ein Teil der Teststraße wird vorübergehend geschlossen, desinfiziert und der / die Sanitäter/in muss die Schutzkleidung wechseln.


Wird ein/e Schüler/in in der Schule positiv getestet,
melden wir dies der Behörde und der / die Betroffene wird aus der Schule gebracht. Der Unterricht selbst ist jedoch fortzuführen – es wird nicht desinfiziert und es zieht sich niemand um. So ist beispielsweise eine dreistündige Schularbeit nach einem positiven Covid-Selbsttest planmäßig erfolgt – die Behörde hat nicht ausreichend Grund gesehen, diese abzusagen.


Wiederholt kommen Reaktionen der Behörde bezüglich Kontaktpersoneneinstufung und Quarantäne-Bestimmungen verspätet oder bleiben aus. Das ist schon im Schichtbetrieb verunsichernd (aber angesichts der noch immer hohen Zahlen verständlich). Wie wird es jedoch dann im Vollbetrieb um das Contact Tracing stehen, das im November 2020 (zumindest in OÖ) de facto am Zusammenbruch gewesen ist, wobei Kontaktpersonen der Kategorie 1 teils gar nicht mehr verständigt worden sind?


Die Selbsttests an Schulen sind natürlich besser als keine Tests und bevor niemand sie anleitet, können sie „notfalls“ auch Laien abwickeln. Angesichts des kommenden Vollbetriebes sind für die Test-Situation und den übrigen Schulbetrieb jedoch ein deutlich erhöhtes Risiko und größerer Stress zu erwarten:


Wir erleben es öfter einmal, dass manche Kinder zur Schule geschickt werden, obwohl sie klare Symptome (z. B. Geschmacks- und Geruchsverlust) aufweisen. Wir erleben es überdies leider auch mehrfach, dass manche Eltern die Erkrankung nicht der Schule melden (obwohl es Meldepflicht gäbe), sondern die SchülerInnen dann nach überstandener Erkrankung mit einem Antikörpertestergebnis zur Schule schicken, damit die Kinder nicht mehr mittesten müssen. Manche Eltern schicken ihre Kinder auch nach einer Auslandsreise (obwohl bei zahlreichen Staaten eigentlich eine Quarantäne verpflichtend vorgesehen wäre) direkt am nächsten Tag in die Schule.


„Die Hygienemaßnahmen werden an den Schulen lückenlos umgesetzt“ – das ruft bei jedem, der den Schulbetrieb nicht nur vom Hörensagen kennt, Schmunzeln hervor.
Die Jugendlichen halten sich nicht immer an die Maßnahmen, und das können sie auch gar nicht: In der Schule gibt es schon jetzt (trotz derzeit halber Schüler*innenzahl) nicht genug Platz, um ständig den geforderten Abstand einzuhalten. Die Masken werden in den Pausen zwischen den Stunden gern mal abgenommen, wenn keine Lehrkraft hinsieht. Wir finden zudem, pubertierende Jugendliche können und sollen nicht lückenlos überwacht werden, auch nicht in der Schule – sie haben ein Recht drauf, auch einmal „für sich“ zu sein.


„Die Lehrer sind geimpft“ – nein, das ist so nicht ganz richtig bzw. deutet es eine Vollimmunisierung an, die aber nicht den Tatsachen entspricht.
Diejenigen Lehrkräfte, die über die „Lehrer-Impfaktionen“ bereits geimpft worden sind, haben erst eine Teilimpfung erhalten. Vollen Schutz gibt es erst nach der zweiten Teilimpfung, diese folgt aber erst irgendwann gegen Ende des Schuljahres oder im Sommer. Und es gibt in den verschiedenen Bundesländern zahlreiche (und nicht nur „vereinzelt“) Lehrer, die sich gerne impfen lassen würden, aber noch immer keinen Impftermin erhalten haben – und da sprechen wir aber von noch ausständigen Erstimpfungen.


Wir sind nicht per se gegen den Vollbetrieb, wir sind für eine verantwortungsvolle, genaue Testung und sinnvolle Zusatzmaßnahmen, damit wenigstens keine anderen Bereiche und Berufsgruppen – etwa das Gesundheitssystem – vermehrt belastet werden müssen.


Gefragt nach der Meinung der Schüler*innen zum Vollbetrieb haben diese mitunter sinngemäß gemeint: „Warum soll ich mich im Privatleben an Covid-Regeln halten, wenn sie in der Schule nicht umgesetzt werden können?“ Und gar nicht so wenige Schüler*innen sind besorgt hinsichtlich der nicht vorhandenen Abstände während der Testungen.

 

Was das Bewusstsein für „Respekt und Sorgfalt“ betrifft, gäbe es an diese Aussage anknüpfend sicher einiges vorzuleben – wir würden dies auch gerne Top-down von der Regierung erfahren.

 

Abschließend sei angemerkt:

 

Es mutet schon etwas skurril an, dass wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben, dass das Bildungsministerium über die Mailadressen, die alle Lehrkräfte extra vom Bund vor Jahren erhalten haben, nur halbrelevante Infos verschickt. Die wirklich wichtigen Infos betreffend unsere Arbeit bekommen wir aus den Pressekonferenzen bzw. der ZIB.


Wir sind wirklich im Grunde unsres Herzens Lehrkräfte aus Begeisterung und Überzeugung, aber ständig wieder von „ganz oben“ mit offensichtlichen Unwahrheiten über die Medien konfrontiert zu werden, während man sich für den „Hybridunterricht“ zerreißt (und es gibt sehr, sehr viele Lehrkräfte, die sich wirklich bemühen, hier trotz allem ordentlichen Unterricht zu ermöglichen), zermürbt auf Dauer.


Im Sinne eines Schulwesens, das die Kinder für die Zukunft stärkt, wünschen wir uns hier offenere Kommunikation sowie weitergehende sinnvolle, die Gesundheit aller Beteiligten (und deren Angehörigen) unterstützende Maßnahmen.


Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen
Mag. Hannah Strutzenberger, Mag. Veronika Kraxberger, BA"

 

 

Bildnachweis: Bildbearbeitung PSt. Bild von Alexandra_Koch  auf Pixabay.


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Ute-Bock-Preis für Zivilcourage an Wiener Schüler*innen

Logo SOS Mitmensch
Logo SOS Mitmensch

Der Einsatz von Tierra Rigby und Theo Haas, die Abschiebung ihrer Schulkolleginnen zu verhindern, wurde gestern von SOS Mitmensch mit dem  Ute-Bock-Preis für Zivilcourage gewürdigt. Haas und Rigby erhielten die Auszeichnung stellvertretend für alle Schüler*innen, die gegen Abschiebungen von gut eingelebten Mitschüler*innen eintreten. Auch die Kärntner Ordensschwester Maria Weißbacher wurde für ihr Engagement für Flüchtlinge mit dem Ute-Bock-Preis für Zivilcourage geehrt.

 

Bericht SOS Mitmensch: Die beiden Schüler*innen Tierra Rigby und Theo Haas wollen das Preisgeld an ihre kürzlich abgeschobenen Mitschülerinnen spenden. Die Leiterin der von der Regierung eingesetzten Kindeswohlkommission, Irmgard Griss, betonte aus Anlass der Preisverleihung, dass sie hoffe, „dass Abschiebsituationen, wie im vergangenen Winter, nicht mehr vorkommen“.

 

Es sei nicht erstaunlich, dass die Kinderabschiebungen so ein Entsetzen ausgelöst habe, erklärt Irmgard Griss in einer Videobotschaft: „Die Kinder sind hier in die Schule gegangen. Sie haben Freundinnen und Freunde gewonnen, Österreich ist ihnen zur Heimat geworden. Und nun müssen sie in ein Land gehen, das ihnen eigentlich fremd ist.“ Die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofs zeigt sich überzeugt, dass der Bericht ihrer Kommission „bei vielen zu einem Umdenken führen wird, vor allem auch in der Politik“. Die Kommission werde sich die Praxis der Umsetzung der Kinderrechte genau anschauen, „damit solche Situationen, wie wir sie im Winter erlebt haben, nicht mehr vorkommen“, betont Griss.

 

Ausgestrahlt wurde die Videobotschaft von Griss am Mittwochabend im Rahmen der Ute-Bock-Zivilcourage-Preisverleihung von SOS Mitmensch, bei der die Ordensschwester Maria-Andreas Weißbacher und die Schüler*innen Tierra Rigby und Theo Haas für ihren Einsatz für Geflüchtete und gegen Kinderabschiebungen ausgezeichnet wurden. Rigby und Haas, die den Preis stellvertretend für viele gegen Kinderabschiebung engagierte Schüler*innen entgegen nahmen, gaben während der Preisverleihung bekannt, dass sie das Preisgeld ihren abgeschobenen Mitschülerinnen Tina und Sona spenden wollen, die sich in einer extrem prekären Lebenssituation befänden. Das Geld werde dem Solidaritäts-Spendenkonto der Volkshilfe überreicht.

 

SOS Mitmensch rief Innenminister Karl Nehammer dazu auf, die Kinder und Jugendlichen, denen durch ihre Abschiebung schweres Unrecht angetan wurde, umgehend nach Österreich zurückzuholen. Es müssten gesetzliche Grundlagen geschaffen werden, um ein solches Unrecht in Zukunft zu verhindern, fordert die Menschenrechtsorganisation und verweist diesbezüglich auf die seit Jänner laufende #hiergeboren-Initiative.

 

Der Ute-Bock-Preis für Zivilcourage wurde 1999 von SOS Mitmensch ins Leben gerufen, um überdurchschnittliche Zivilcourage auszuzeichnen und mutigen Personen und Initiativen Rückhalt zu geben. Der diesjährige Ute-Bock-Preis war mit insgesamt 4.000 Euro dotiert. Gespendet wurde die Dotierung von der RD Foundation Vienna von Ingrid und Christian Reder.

 

www.sosmitmensch.at


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Aktuell: Der Kreidekreis Nr. 4 2021 zum Download steht bereit!

 Titelblatt Kreidekreis 04/2021
Bild: Titelblatt Kreidekreis 04/2021

"Da müssen wir genau hinschauen!" sagt Bildungsminister Faßmann bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Die Frage ist, wo schaut er denn genau hin?

 

Nicht auf die Zukunft der Bildung jedenfalls! Dafür schauen wir drauf und zeigen im Kreidekreis auf, wo man hinschauen muss:

 

Bildung wird in Österreich nach wie vor vererbt!

Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache werden nach wie vor separiert!

Nach wie vor besteht der Ziffernnoten-Zwang!

Das Unterstützungspersonal an den Schulen ist nach wie vor nicht vorhanden!

Und nach wie vor setzt das BMBWF auf viel zu frühe Differenzierung statt einer förderlichen gemeinsamen Schule!

 

Wann nimmt sich der Minister selbst ernst und schaut einmal wirklich genau hin?

 

Kreidekreis 04/2021. Hier zum Download: Hier!


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WARUM BRAUCHEN WIR EINE PARTEIUNABHÄNGIGE PERSONALVERTRETUNG?

 Aufzeichnung des Gesprächs mit Radio Widerhall auf radio orange vom 9. November 2019.