Antrittsrede der neuen Unterrichtsministerin

Geschätzte Lehrerinnen und Lehrer!

 

Ich habe soeben die Verantwortung für einen der wichtigsten Bereiche einer Gesellschaft übernommen, nämlich für den Bildungsbereich. Diese Aufgabe ist eine ausgesprochen interessante Herausforderung und ich will ihr möglichst gut gerecht werden.

 

Als Erstes möchte ich mich für die Vorkommnisse der letzten zwei Jahrzehnte bei Ihnen entschuldigen. Ihnen wurden immer mehr Aufgaben aufgetragen, die Ihnen obendrein nicht abgegolten wurden oder für die Sie gar nicht zuständig waren. Ausgesprochen unprofessionell scheint mir die Vorgangsweise gewesen zu sein, Sie als SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, Krankenpflegepersonal, Detektiv, Untersuchungsrichter, IT-Techniker und ähnliches einzusetzen. Das sind hochqualifizierte Berufe, die besondere Fähigkeiten und Ausbildungen als Voraussetzung haben, Sie haben sich aber durch Ihre pädagogische Ausbildung für den Beruf einer Lehrerin oder eines Lehrers entschieden und für nichts anderes. Für die anderen Arbeitsbereiche werde ich ausreichend Personal einstellen lassen.

Was für jedes Schulwartspersonal selbstverständlich ist, nämlich eine präzise Arbeitsplatzbeschreibung, wurde Ihnen leider bisher vorenthalten. Ich kann mir auch nicht erklären, warum es für die Lehrerinnen und Lehrer / inzwischen schon im 21. Jahrhundert / weder eine akzeptable Arbeitszeitbeschreibung noch ein Arbeitsinspektorat gibt. Diesen jahrzehntelangen Nachholbedarf gegenüber anderen Berufsgruppen werde ich aufarbeiten lassen.

 

Sie sollen Ihre SchülerInnen zu mündigen und demokratiebewussten BürgerInnen heranbilden. Um in Zukunft auch für die Lehrerinnen und Lehrer demokratische Verhältnisse sicher zu stellen, wird Ihr Dienstrecht an den zeitgemäßen "state of art" herangeführt. Es ist kein akzeptabler Zustand, dass Sie einem Dienstrecht unterstehen, das Sie verpflichtet, unlimitiert Anordnungen befolgen zu müssen, die gerade noch nicht gegen das Strafrecht verstoßen, ansonsten konnte Ihnen bisher mit dem Disziplinarrecht gedroht werden. Dieser Zustand öffnet der Willkür Tür und Tor und wird abgestellt. Hierarchien werden abgeflacht, oberste Entscheidungsinstanz an einer Schule werden Entscheidungen der Schulkonferenz sein. Was dort demokratisch entschieden wird, das soll an dieser Schule auch gelten.

 

Ich möchte aber auch sicherstellen, dass die Arbeit an der Schule von motivierten MitarbeiterInnen bewältigt werden kann, denn Motivation bei der Arbeit bringt zweifelsohne die besten Ergebnisse. Sie sollen zum Vorteil unseres Staates beste Ergebnisse mit Ihren SchülerInnen erbringen, also müssen auch Sie beste Arbeitsbedingungen erhalten. Um den Motivationsfaktor anzusprechen: Ihnen wird ab dem heutigen Tag statt kleinlicher Kontrolle und Zwängen Vertrauen und Anerkennung entgegengebracht. Sie werden ab heute mit jenen Bedingungen arbeiten können, die Ihre finnischen KollegInnen als Hauptmotivation schätzen gelernt haben. Befragt, was sie zum Aufgeben ihres Berufs veranlassen könnte, beantworteten finnische Grundschul-LehrerInnen überwiegend dahingehend, wenn ihre Autonomie im Klassenzimmer und in der Schule generell eingeschränkt würde, wenn ihre Arbeit plötzlich von InspektorInnen oder die Leistung ihrer SchülerInnen durch externe Testverfahren bewertet werden würde , so eine Aussage von Pasi Sahlberg vom finnischen Bildungsministerium. Standardisierung wird als größter Feind von Kreativität und Innovation angesehen. Den Schulen und ihren LehrerInnen wurde sehr bewusst große Unabhängigkeit gegeben, um das Signal zu setzen: Wir vertrauen euch, wir wissen, dass ihr euren Beruf gut ausübt, besser, als so manche „ExpertInnen“ im Bildungsministerium es je könnten (Originalton Past Sahlberg).

 

Oberstes Gebot finnischer LehrerInnen ist das Entdecken und Fördern jedes einzelnen Talents. Begänne man aber, die Schulen standardisierten Testverfahren zu unterwerfen, um die Ergebnisse des Lernens besser evaluieren zu können, geschähe genau das nicht. Dann würden sich die PädagogInnen übergangen und in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen, weil sie plötzlich das Gefühl hätten, statt eigenverantwortlicher Unterrichtsgestaltung ihre SchülerInnen auf Tests vorbereiten zu müssen. Zwar gibt es in Finnland einen groben staatlichen Lehrplan, jede Schule erstellt aber ihr eigenes Curriculum, und jede Lehrkraft entscheidet selber, wann sie was im Unterricht tut und was das Beste für ihre einzelnen SchülerInnen ist. Ministerialbeamter Pasi Sahlberg meint weiter: „Die PädagogInnen haben die Kontrolle, sind frei in ihren Methoden und wissen, dass es nur eine minimale Überprüfung ihres Handelns gibt. Dieses hohe Maß an Vertrauen führt dazu, dass sie ihre Rolle als Lehrer so ernst nehmen.“

 

Geschätzte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen: Ich möchte, dass auch Sie Ihre pädagogische Rolle in diesem Sinne ernst nehmen können, ohne ins Burnout zu taumeln. Ich möchte, dass Sie in größtmöglicher Selbstbestimmung und mit Freude der Arbeit nachgehen können, für die Sie sich ausbilden haben lassen: als Lehrerin, als Lehrer.

 

  Wenn Österreich Zukunft haben will, müssen wir uns zuerst fragen, was wir an unseren Schulen und für unsere SchülerInnen brauchen. Erst wenn wir das herausgefunden und definiert haben, können wir uns überlegen, wie wir das auch finanzieren. Wenn wir es nicht schaffen, so rasch die notwendigen Milliarden für ein erstklassiges Bildungssystem aufzutreiben, wie wir es für das Bankenwesen quasi im Handumdrehen geschafft haben, dann haben wir einen Armutsbeweis erbracht und eine Unverantwortlichkeit bewiesen, die uns für unsere politischen Funktionen als Fehlbesetzungen ausweist. Genau das kann ich gegenüber den Schülerinnen und Schülern, den Eltern, Ihnen und unserer Republik nicht verantworten und möchte so etwas auch meiner Person niemals antun.

 

Ich bitte Sie für die Versäumnisse der Vergangenheit um Verzeihung und lade Sie ein, gemeinsam unser Bildungssystem zu optimieren. Sie sollen es mit nicht weniger Freude tun können als Ihre finnischen KollegInnen.

 

Sollte ich die dafür notwendigen Ressourcen nicht erhalten, werde ich mit Ihrer Hilfe und mit Eltern und SchülerInnen unverzüglich Maßnahmen setzen, die meinen RegierungskollegInnen und den Abgeordneten klar machen, dass es zum notwendigen Bildungsbudget keine zukunftsfähige Alternative gibt.

Geschrieben für die Ministerin von Wilfried Mayr

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Kommentare: 1
  • #1

    Cornelia Haid (Samstag, 11 Januar 2014 20:38)

    super geschrieben