VWA (Vielbesprochener Wahnsinn, Aktuell)

VWA (Vielbesprochener Wahnsinn, Aktuell)

Ein Kommentar von Martha Kniewasser-Alber, MA

 

Ich bin Mutter. Eines Achtzehnjährigen. Ja, der geht in die 8. Klasse einer gymnasialen Oberstufe. Richtig, Ende vergangener Woche war Abgabe – der sogenannten „Vorwissenschaftlichen Arbeit“ - kurz VWA.
Ich bin Lehrerin. In einer berufsbildenden höheren Schule – die kürzlich einen neuen Namen bekam. BAfEP – kurz für „Bildungsanstalt für Elementarpädagogik“.
Ich habe vor 2 Jahren meinen Master an einer hiesigen Universität absolviert. Dazu ist eine wissenschaftliche Arbeit abzugeben. An der habe ich also eine Weile gearbeitet und geschrieben.
Das steckt das Feld ab, zu dem ich mich bemüßigt fühle, ein paar meiner Wahrnehmungen zu beschreiben und vielleicht deutlich zu machen, dass es sich um ein Spannungsfeld handelt.
Ich verstehe mich in all meinen Rollen der „Basis“ zugehörig – von da also ein kurzer Bericht:
Meine Masterarbeit war auf eine sehr angenehme, kompetente und freundliche Weise begleitet von der Dekanin und einer Lehrenden an der Uni. Es gab mehrere Termine, ich war von der Themenfindung über Literaturrecherche, Konkretisierung des Inhaltes bis zur Abgabe und Lesung einzelner Kapitel mit brauchbarem Feedback bis zur Fertigstellung der Arbeit über ein Jahr lang überaus gut beraten. Ich war heilfroh über „deadlines“ für die Abgabe einzelner Kapitel. Ebenso stellten sich Hänger ein, war es gar nicht einfach sich den Alltag mit Beruf und Familie so einzuteilen, dass eine gewisse Kontinuität gewährleistet war und brachte ich beileibe nicht immer die Disziplin auf, das anvisierte Pensum zu erreichen. Alles in allem ein nicht leichtes und einiges an Selbstorganisation verlangendes Unterfangen.

Jugendliche, die eine Matura in unserem Land ablegen wollen, haben seit zwei bis drei Jahren eine sogenannte VWA zu schreiben. Hinter diesen drei Buchstaben verbirgt sich der Versuch, die jungen Menschen mit den Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens vertraut zu machen. Das ist nun beileibe keine einfache Materie: da sind Formalismen einzuhalten, da braucht es eine Annäherung an bestimmte Methoden, dazu sind Quellen heranzuziehen, die gewisse Kriterien erfüllen müssen, im besten Falle anhand eines kleinen überschaubaren Interessensgebietes, das genug Motivation bereithält, sich all diesen Lernerfahrungen zu stellen.
So verstehe ich jedenfalls das Attribut „vorwissenschaftlich“.
Gut - dass Jugendliche, die die Hürden des Erwachsenwerdens zu nehmen haben, die Entwicklung einer Identität und das Hineinwachsen in eine Verantwortung für eine komplexe und sehr fordernde Welt zu bewerkstelligen haben, dabei auch gleich Bekanntschaft machen mit der Einhaltung von Fristen, einem schlecht funktionierenden Computersystem, einer Plagiatsüberprüfung im großen Stil und Begleitern, die überfordert, nicht oder schlecht vorbereitet, widerwillig oder aber engagiert, bemüht, aufmerksam und unterstützend sind, das ist vermutlich so nicht geplant, aber definitiv ein Schauplatz rund um die VWA.
Na, wenn die Welt schon so rau ist, werden Sie vielleicht jetzt denken, dann sucht euch doch eine Begleitung von der netten Sorte, eineN von jenen LehrerInnen, die engagiert, bemüht.....sind. Weit gefehlt, die VWA Betreuung kann SchülerIn sich nicht aussuchen, Wünsche können abgegeben werden. Die Vergabe dieser Rolle erfolgt schulintern.
Nun zum dritten Schauplatz: dem System Schule. Vonseiten der Unterrichtenden an diesen Schulen, ist diese VWA oder die Diplomarbeiten, die in unserem Schultyp im Team (!!!) verfasst werden, so ziemlich die hinterletzte der Aufgaben, die uns noch gefehlt haben. (Allerdings gibt es ein großes Gerangel um diesen hinterletzten Platz: mit der Basis nicht  kommunizierte, kaum durchdachte, sich als Reformen tarnende diverse Überraschungspakete aus dem Ministerium haben gerade wenige Tage vor Weihnachten zum Beispiel total Hochsaison!). Und zwar nicht, weil wir LehrerInnen per se arbeitsunwillig, reformresistent und überhaupt.... sind, sondern weil die Investition, die die kompetente Betreuung und Begleitung eines ersten (!!!) Bekanntwerdens mit dem vor–wissenschaftlichen Arbeiten erfordert, einfach nicht mitbedacht ist, sondern wie immer Logistik und Bürokratie im großen Stil wichtiger sind, als Rahmenbedingungen, die ein Lernen auf allen Seiten ermöglichen.
Es kann nämlich tatsächlich äußerst lustvoll sein, in ein Themengebiet einzutauchen, dazu zu lesen, sich zu vertiefen, Gedanken auszutauschen, für eine gewisse Zeit Ex-pertin/Ex-perte zu sein, querzudenken, auf Abwege zu geraten, Umwege zu gehen, um von diesen Reisen inspiriert wieder auf die ursprüngliche Forschungsfrage zurückzukommen und einen Antwortversuch zu wagen. Und weil die Arbeit vorwissenschaftlich und ein Lernschritt ist, darf sie fragmentarisch bleiben, Lücken aufweisen, dürfen Formalfehler passieren und braucht es ein Gegenüber, das deutlich und freundlich darauf hinweist.
Dieses Gegenüber – namentlich BetreuungslehrerInnen – können Freundlichkeit, Deutlichkeit, Kompetenz und Professionalität dann walten lassen, wenn sie Zeit („Nichts ist kostbarer und schärfer bewirtschaftet in der Schule als die Ressource Zeit.“ ), Wertschätzung (ja auch finanzieller Natur), eigene Lernmöglichkeiten, kollegialen Austausch in kleinen Teams, vielleicht Supervision erfahren. Wir sprechen von Ressourcen, die echte Investitionen in die Zukunft bedeuten.
Nichts brauchen Jugendliche nötiger als ein kontaktfreudiges, interessiertes, feinfühliges Gegenüber, mit dem sich denken, arbeiten, von dem sich lernen lässt.
Und zwischen elektronischen Klassenbüchern, Reiserechnungen, die einem den letzten Nerv ziehen, der Planung der nächsten Projektwoche, den Elterngesprächen, der Entwicklung diverser Raster, Meilensteine, Schulprojekte, Modularisierungen und dem Entgegennehmen und Abarbeiten ministerieller Weihnachtsgeschenke kann einem genau das (Freundlichkeit, Interesse, Feinfühligkeit, Kontaktfreude) schon einmal abhandenkommen!!!

Ich nehme viele Schulen als Orte wahr, die sehr bemüht sind, all diese Aufgaben zu leisten. Im Moment ist es allerdings so, dass es vom Berufsethos, dem Engagement und den persönlichen Ressourcen von LehrerInnen abhängt, ob SchülerInnen in der Erarbeitung ihrer VWA gut unterstützt sind. Für die SchülerInnen hängt es weiters davon ab, wen sie als BetreuungslehrerIn zugewiesen bekommen.
Da ergeben sich nicht immer glückliche Kombinationen, glauben Sie mir! Und dann kann so eine VWA auch für das familiäre Umfeld schon mal zu einer gewaltigen Herausforderung werden, wenn dann drei Tage vor Abgabe die saloppe Rückmeldung der Betreuungslehrkraft nach genau zwei kurzen Betreuungsterminen lautet „Eine dünne Suppe- diese VWA!“ Nicht dünner als die Ressourcen im Bildungssystem, der persönliche Einsatz und das pädagogische Geschick!

In der dünnen Suppe schwimmt allerdings ein wenig Suppengrün und Einlage:
ich erlebe einen Achtzehnjährigen, der sich mit einem (viel zu großen - aber doch!) Thema intensiv auseinandergesetzt hat, der einen differenzierteren Blick auf komplexe Sachverhalte gewonnen hat, der sich vorsichtig aber doch eine Meinung bildet. Ich erlebe zum Teil SchülerInnen, die sich zu Themen der Elementarpädagogik kompetent und auch mit Stolz, Ex-pertin/Ex-perte zu sein, äußern können und die Praxis, die sie erleben, anhand der Theorie reflektieren können. Ich sehe einige KollegInnen, die genau jenes Gegenüber für SchülerInnen sind, das jene benötigen, um aus einer VWA/Diplomarbeit einen Lerngewinn zu erzielen.
Die Frage allerdings bleibt: ist diese Suppe nahrhaft? Stehen die Investition von SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern in einem Verhältnis zum Lerngewinn dieses ganzen vorwissenschaftlichen Unterfangens?
Im Moment ist meine Antwort klar: dieser Lerngewinn ist auch einfacher zu erreichen!
Wie? Fragen Sie doch an der Basis!

Martha Kniewasser-Alber, MA

Unterrichtende an einer BafEP (Rhythmik und – noch – Blockflöte),
Mutter zweier Kinder,
vor kurzem Studierende an einer Universität,
Feldenkraislehrerin,
tätig im Fortbildungsbereich,
befasst mit somatischen Lernmethoden und Aspekten der Bindungstheorie, Mitarbeit in einem Schulentwicklungsteam und sogenannte Studienkoordinatorin am Tageskolleg der BAfEP

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1) Edelstein in Bilstein, Dornberg, Kneip: Curriculum des Unwägbaren. Ästhetische Bildung im Kontext von Schule und Kultur. 2007, Oberhausen: Athena Verlag

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