Koalitionsverhandlungen: Entscheidend ist die Zukunftsfrage – nämlich das Bildungssystem

Helmut Brandstätter über die Bedeutung des Bildungssystems im Rahmen der Koalitionsverhandlungen und seine diesbezüglichen Befürchtungen. Und was das mit dem „besonders schlauen“, trotzdem missglückten Postenschacher FM Schellings zu tun hat. 
Auszug aus dem Newsletter von Helmut Brandstätter (Kurier):
Entscheidend aber ist die Zukunftsfrage – nämlich, ob das Bildungssystem ernsthaft erneuert wird. Da läuft die Entwicklung in den erfolgreichen asiatischen Staaten so rasant, dass jeder wissen muss, dass die Verlängerung unseres Bildungsnotstands die langsame, aber sichere Verabschiedung vom Wohlstand ist.

Bildungsnotstand – anders kann man den Zustand in Österreich nicht nennen. Wer da einfach nur das Gymnasium absichern und sonst nichts tun will, hat nichts verstanden. Leider hören wir nichts aus den Verhandlungen, was uns optimistisch stimmen könnte. Zu viele Jugendliche können nicht lesen und schreiben, zu viele Studenten verlassen die Unis als Studienabbrecher oder mit einer mangelhaften Ausbildung. Wir können nicht einfach Singapur imitieren, aber nur zwei kleine Hinweise: Dort haben alle Schüler bis 15 Uhr Unterricht in der Schule, dann gibt es Förderstunden, für alle. Und die Technische Universität Nanyang hat es in wenigen Jahren zu einer der besten der Welt gebracht. Das kostet am Anfang 500 Millionen Dollar, na und? Die vollbringen auch keine Wunder, machen nichts, was wir nicht auch könnten, aber sie tun es.
Bei uns aber geht es natürlich vor allem um Posten. Besonders schlau wollte es Finanzminister Hans Jörg Schelling anlegen. Er ließ verbreiten, dass die EVP-Kollegen unbedingt ihn als Nachfolger von Jeroen Dijsselbloem in der Rolle des Euro-Vorsitzenden wollen – so wollte er zu Hause Druck aufbauen doch weiter Finanzminister zu bleiben. Einigen Landeshauptleuten wäre das auch nicht unrecht, da sie die Kenntnisse des Ex-Rechnungshofpräsidenten Moser fürchten. Aber meine Kollegin Margaretha Kopeinig weiß mehr – das wird wohl nichts für Schelling. Dann waren die vielen Hunderttausender Steuergeld, die Schelling zum Gratisblatt Österreich überweisen ließ, damit sie ihn zum besten Finanzminister aller Zeiten ausrufen, auch noch sinnlos. Schade ums Geld, da hätte man schon einiges für die Bildung statt für die Verblödung tun können.

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Kommentare: 1
  • #1

    Matthias Hofer (Montag, 13 November 2017 20:59)

    Kurier-Chefredakteur Helmut Brandstätter empfiehlt via Email-Newsletter, sich in Bildungsfragen an Südostasien, konkret an Singapur zu orientieren und diagnostiziert für Österreich (wieder einmal) den Bildungsnotstand.

    Was er nicht dazu sagt:

    Kinder stehen in Südostasien vom Kindergartenalter an unter enormen Leistungsdruck, viele reagieren darauf mit Depressionen oder gar Suizid. Ihr Schul- bzw. Lerntag beginnt meist zeitig in der Früh und endet kurz vor Mitternacht. Das viele Lesen und vor dem Bildschirm eines PCs, Tablets oder Laptops Sitzen hat Auswirkungen auf die Kinderaugen: Nirgendwo anders auf der Welt ist die Dichte an Kurzsichtigkeitsbrillen unter Schulkindern so hoch. Kindsein scheint nicht erlaubt bzw. erwünscht zu sein. Selbst in Ferienzeiten wird in privat finanzierten Kursen gelernt.

    Das Ziel ist die Aufnahme in eine der wenigen Eliteuniversitäten, nach deren Abschluss ein Leben in Wohlstand garantiert ist. Eltern geben daher ein Vermögen für privaten Zusatzunterricht vor und nach der Schule aus, wer das nicht leisten kann, hat keine Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg.

    Der Fächerkanon beschränkt sich auf das unmittelbar "verwertbare" Wissen, Kreativität und Individualität bleiben auf der Strecke. Und: Die Prügelstrafe ist (noch) nicht abgeschafft.

    Aber: Das System Südostasien führt zu Spitzenplätzen bei PISA. Daher wohl die Empfehlung Brandstätters. Was allerdings die Frage aufwirft, ob es sich beim diagnostizierten Bildungsnotstand nicht doch um seinen eigenen in Bildungsfragen handelt ...