Viertklässler: Und jedes Jahr der K(r)ampf mit dem „differenzierten Schulsystem“

ORF: Gabelung auf dem Bildungsweg - Wohin nach der vierten Klasse?
„Schafft es mein Kind nach der Volksschule in die AHS? Diese Frage beschäftigt wohl den Großteil der Eltern deren Kinder die Volksschule besuchen. Und jedes Jahr vor den Semesterferien wird der K(r)ampf mit dem „differenzierten Schulsystem“ in den Medien thematisiert. Heute nimmt sich der ORF in einem gut recherchierten Artikel „Gabelung auf dem Bildungsweg - Wohin nach der vierten Klasse?“ dieser Problematik an.
Da geht es um die Ängste der Eltern, was wohl aus ihrem Kind werde, wenn es nicht ins Gymnasium kommt. In Schulen mit Kindern aus „höheren sozialen Schichten“ beginne das Bangen bereits ab der zweiten Klasse, in der Dritten sei es ein Dauerthema aber in der vierten Klasse werde es „richtig unangenehm“, wenn die Schularbeiten anstehen“, so Gabriele Kulhanek-Wehlend, Institutsleiterin an der Pädagogischen Hochschule Wien: „Da werden sowohl Lehrerinnen und Lehrer als auch Kinder verstärkt unter Druck gesetzt.“
Aber nicht nur die Eltern machen Druck auf die Kinder, weiß Karin Haslgrübler, Schulpsychologin im Wiener Stadtschulrat: „Lehrer auf Schüler, Eltern auf Lehrer, Schüler machen sich selbst Druck“.
Die frühe Trennung nach der vierten Schulstufe ist das wichtigste und meist kritisierte Merkmal des differenzierten Schulsystems. Übrigens ein Novum in der EU. Nur noch in Deutschland wird ein ähnliches System angewandt.
Und jedes Jahr um diese Zeit, stellt man sich die Frage, weshalb tun wir das den Kindern, Eltern  und Lehrer/innen an? Es gibt ja bekannte und bewährte Alternativen. Zum Beispiel die Gesamtschule, von Kritikern des differenzierten Schulsystems seit Jahrzehnten gefordert und von eingeschworenen Gesamtschulgegnern bisher verhindert. Die stark ideologisierte Debatte zwischen der SPÖ und der ÖVP ist nach dem vorliegenden türkisblauen Regierungsprogramm für die nächsten Jahre vom Tisch. Das differenzierte Schulsystem habe sich bewährt, steht im Regierungsprogramm der ÖVP und FPÖ.
Differenziertes Schulsystem ist „wenig effektiv und sozial ungerechter“
Dass sich das differenzierte Schulsystem „bewährt“ habe, ist nur schwer nachvollziehbar. Was zum Beispiel laut der Österreichische Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen (ÖFEB), die Ergebnisse der internationalen Bildungsforschung zeigen: Mehrgliedrige Schulsysteme wie in Deutschland und Österreich sind „wenig effektiv und sozial ungerechter sind“. Je länger Kinder und Jugendliche eine gemeinsame Schule besuchen, desto weniger sei ihr Bildungserfolg von der Herkunftsfamilie abhängig. Aber dieser Effekt ist offensichtlich von den Machern der „Neuen Politik“ nicht gewünscht.
Für den Soziologen Heinz Bude sortiere dieses System viel zu früh, weil mit 10 Jahren nicht „festgestellt werden kann, welches Kind auf die Universität gehört“ und „welches sich auf eine Facharbeiterexistenz vorbereiten soll“. Es sei ein Teufelskreis, „der die einen in der Schule erfahren lässt, dass sie wie von selbst immer besser, und die anderen, dass sie, was auch immer sie unternehmen, immer schlechter werden“.

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