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„Das Notensystem ist ein reines Steuerungsinstrument“ - mit wenig pädagogischer Substanz

Ein lesenswertes Interview mit dem Wiener Schuldirektor Josef Reichmayr im derStandard.at: "Wir reden nur über die blöden Noten"
Josef Reichmayr ist Volks- und Sonderschullehrer und seit 1998 Schulleiter der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau, eine Ganztagsvolks- und -mittelschule der Stadt Wien. Und er weiß von was er spricht, wenn es um das Thema Schule geht. Nicht nur deshalb ist er auch das das Sprachrohr der Initiative #LerneGerne.
Im Standard-Interview mit Petra Stuiber argumentiert er schlüssig gegen die Behauptungen der Ziffernnoten-Befürworter, die, je länger über „die blöden Noten" geredet wird, immer abstrusere Blüten produziert. So postete kürzlich ein schwarzer AHS-Lehrervertreter ein Foto eines Zeugnisausschnittes, das in allen Fächern identische verbale Beurteilungen enthält. Auf wiederholte Aufforderungen, einen Quellennachweis für die Echtheit zu erbringen, gab es viele „Reaktionen“ aber kein Beweis für die Authentizität des Faksimiles.
Aber zurück zum interessanten Interview mit Josef Reichmayr.
Ein Ausschnitt zum Thema Noten:
Reichmayr: Wir wollen allen vor Augen führen, dass es Alternativen gibt, die funktionieren. Tausende Volksschullehrerinnen und -lehrer in ganz Österreich praktizieren das seit Jahren mit viel Aufwand und großer Wirkung. …. Das Notensystem ist ein reines Steuerungsinstrument. Wenn Kinder mit zehn Jahren auseinandergerissen werden in ihren Schulverläufen, dann braucht man natürlich die Noten, um zu begründen, wer an welche Schule gehen darf. Das war bisher schon so, jetzt wird noch eins draufgesetzt.

STANDARD: Das Argument der Ziffernnoten-Befürworter lautet, die verbale Beurteilung sei ja weiterhin zusätzlich möglich ...
Reichmayr: ... das kennen wir schon, das habe ich schon der vorigen Bildungsministerin Hammerschmied im Herbst 2016 in einem öffentlichen Brief gesagt: Gut, dass es Schulautonomie gibt, aber wenn, dann muss man sie konsequent leben. Wenn dann zentralistisch verordnet wird, dass man die fünfteilige Ziffernskala trotz alternativer Beurteilung zu berücksichtigen habe, führt sich die Autonomie ad absurdum. Nicht nur ich habe damals gesagt: Dann habt uns gerne, dann geben wir gleich wieder nur Noten. Das ist ja eine völlige Verkennung der Substanz einer alternativen Beurteilung.
STANDARD: Ein Pro-Argument lautet auch, die Schüler selbst freuten sich über Benotung, weil sie sich gerne vergleichen. Ist da was dran?
Reichmayr: Noten sind etwas sehr Banales, Verkürzendes, Pauschalisierendes. Aber vor allem für Eltern, gerade auch aus anderen Kulturkreisen oder für sehr ehrgeizige Eltern, haben sie eine Aussagekraft. Aber das kann man auch anders machen: Wir führen mit jedem Kind in jedem Semester Gespräche, bei denen wir ausloten, wo sie stehen, was ihre Stärken sind und wo sie Nachholbedarf haben. Da sind die Eltern dabei, sie bekommen einen guten Überblick, wo ihre Kinder stehen. Das gibt es seit langem, da haben wir gute Erfahrungen gemacht.
Wenn Ziffernnoten vorgeschrieben werden, dann werden wir eben auch mit Ziffern benoten. Aber wie es dann mit der Notenwahrheit steht, ist fraglich.
Weitere Themen sind:
Sonderschulen: Je radikaler man individualisiert, nicht nur durch die Klassengrößen, sondern auch dadurch, wie man den Tagesablauf insgesamt gestaltet, desto mehr Möglichkeiten öffnen sich für eine wirkliche Differenzierung.
Sprachförderklassen: Im Rahmen der Schulautonomie sollen die Schulen selbst bestimmen, was sie brauchen. Sie sollen es tun, wenn sie es brauchen, und lassen, wenn sie es nicht brauchen. Diesen Zentralismus, die Verordnung von oben, halte ich für falsch. Das ist kein neuer Stil, das ist alte Unkultur. Oder wenn schon Zentralismus, dann den richtigen.
Was die Schule dringend bräuchte: Dass in einer Klasse mindestens zwei Lehrer zu stehen haben. Wir brauchen ein Bekenntnis zur Möglichkeit der Mehrstufenklassen.
Ablenkungsmanöver: Das sind alles Ablenkungsmanöver, wir reden nur über die blöden Noten.

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