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Kopftuch versus Machokopf

Bild:spagra
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Es braucht kein Kopftuchverbot für Kindergarten- und Volksschulkinder.
Es braucht anderes!

 

Gastkommentar von Ilse Seifried

 

Unzählige Diskussionen, Interviews und Publikationen gab und gibt es zum Thema „Kopftuch“. Brisant ist es gegenwärtig in Österreich durch den Gesetzesvorschlag der FP- und Kurz-Regierung, ein Kopftuchverbot in Kindergärten und Volksschulen für Mädchen einzuführen.

Ich möchte nun meine Überlegungen und Gedanken einbringen: A priori gelten für mich und gegenwärtig auch (noch?) für Österreich die Menschenrechte: Alle Menschen sind allein aufgrund ihres Menschseins mit gleichen Rechten ausgestattet. Ob hier geboren, hierher (aus welchen Gründen auch immer) geflüchtet.
Diese Grundannahme ist eine kulturelle Leistung (Der persische Kyros-Zylinder von 538 v.u.Z. gilt als die erste Menschenrechtscharta), die verloren gehen und auch zerstört werden kann oder geschützt und gesichert. Als erfolgreichstes Menschenrechtsabkommen ist die Kinderrechtskonvention anzusehen. Sie wurde von allen UN-Staaten mit Ausnahme der USA ratifiziert.

Menschenrechte, Gemeinwohl, Solidarität, Meinungsfreiheit und Diversität sind die Pfeiler eines demokratischen Rechtsstaates. Die österreichische Bundesregierung steht zwar verbal dazu, doch mit ihren Überlegungen, Reden und Taten zeigt sich das Gegenteil. Menschen werden gegen Menschen ausgespielt und unter noch größeren Druck gesetzt. Jetzt ist der Zeitpunkt, den Anfängen zu wehren!

Zum Thema Kleidung. Vergegenwärtigen wir uns den Zwang für Frauen, Korsetts tragen zu müssen und das Ablegen dieser. Vergegenwärtigen wir uns die Büstenhalterverbrennungsaktionen der Feministinnen. Vergegenwärtigen wir uns die „Skandalmeldung“, als zum ersten Mal eine Abgeordnete in Hosen ins Parlament kam. Sich befreien ist ein Prozess. Als freie Menschen wollen Frauen/Männer anziehen, was sie wollen. Als freier Mensch, kann ich meine Religion wählen, weil diese Privatsache ist. Also steht es dem Staat nicht zu, in Bekleidungs-Freiheiten einzugreifen, da dadurch niemand zu schaden kommt. Des Staates Pflicht ist es, ein Rauchverbot auszusprechen, um die Gesundheit der Mitmenschen zu schützen.

Kopftuch tragen zählt nicht zu den Menschenrechten. Wer für den französischen Staat arbeitet, darf sich nicht verhüllen oder verschleiern, bestätigt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2015. Der Glaube ist ausschließlich Privatsache – und deshalb auch im Privaten zu halten. Diese strikte Trennung von Kirche und Staat, der sogenannte Laizismus, gehört regelrecht zu den Grundpfeilern der französischen Nation. In Österreich ist das (noch?) anders durch das Konkordat.
„Vor 80 Jahren haben die österreichische Bundesregierung und der Vatikan das Konkordat unterzeichnet. Für manche ist es ein Relikt aus der Zeit des Austrofaschismus - für andere der Garant für die Religionsfreiheit.“ http://religion.orf.at/stories/2586988/

Ich bin für die Freiheit, ein Kopftuch tragen zu können.

Ich bin gegen staatliche Akzeptanz, Anerkennung und Unterstützung von Religionen, die Frauen- und Kinderrechte nicht anerkennen und nicht umsetzen.

Es braucht kein Kopftuchverbot für Kindergarten- und Volksschulkinder.
Es braucht anderes!

Ich halte sehr viel von Regeln und Grenzen und respektvollem Umgang. Ich halte viel von Einsicht durch Rollenspiele, durch die Empathie entwickelt werden kann. Ich halte viel vom Miteinander-Ins-Gespräch-Kommen. Regelbrechungen gehören geahndet. Strafen gehören nach Straftaten gesetzt.
Was es braucht, ist Unterstützung der Eltern, ihre Erziehungsarbeit (ihre Kinder zu mündigen, kritischen, demokratischen und eigenständigen StaatsbürgerInnen zu erziehen) reflektiert und kindgerecht umsetzen zu können. Und es braucht ausreichenden Schutz gefährdeter Kinder.
Diese Unterstützung gibt es nur in einem minimalen Ausmaß. Ich sehe keine diesbezüglichen finanziellen Investitionen der Regierung, im Gegenteil nur „Einsparungen“ und Kürzungen. Wenn Eltern (Väter wie Mütter) nie die Möglichkeit hatten, sich selbst und ihre Rolle als Vater/Mutter – Mann/Frau in ihrer vertrauten/neuen kulturellen Gesellschaft mit professioneller Hilfe zu reflektieren und sich „Erkenntnisse“ zu erarbeiten, kann auch nicht von ihnen erwartet werden, dieses „Wissen“ zu besitzen. Wenn alltägliche finanzielle Sorgen, Stress durch Ausgrenzung und Einsparung von Integrationsmaßnahmen, Arbeitsverbote, Sprachkurskürzungen etc alle Energie verbrauchen, ist „Unwissen“ nachvollziehbar.

Berechtigte Furcht und irrationalen Ängste. Wir haben alle durch die #metoo Debatte gesehen, dass auch die westliche Kultur noch nicht am Ziel der Gleichberechtigung, Gleichstellung und im sexismusfreien Leben angekommen ist. Der Machismo ist weder bei Österreichern noch Immigranten transformiert. Hier anzusetzen hat Priorität. Hier braucht es immer noch Veränderungen des Role-Models „Männer-Selbstverständnis“.

Wenn die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) in Form ihres Präsidenten Ibrahim Olgun die geplanten Einführung eines Kopftuchverbots ablehnt, weil es auch religiös-frühreife Mädchen gibt, für die die Freiheit des Kopftuchtragens bestehen muss, so ist zu erkennen, dass für ihn „Kinderrechte“ weniger wiegen als „Religion“. Es gibt innerhalb der islamischen Gläubigen eine feministische Bewegung. So erklärt sich, dass es islamische Frauen gibt, die sich verpflichtet fühlen aus religiösen Gründen ein Kopftuch zu tragen und andere, die einen solchen Zwang und ein solches Verständnis strikt ablehnen.

Das Kind steht im Zentrum. Wird das Mädchen emotional erpresst (Allah mag Kinder mit Kopftuch lieber!), wird der Bub emotional erpresst (Allah mag Buben lieber als Mädchen, weil Buben mehr wert sind!), dann muss es ausreichend Fachleute geben, die verpflichtende Elterngespräche im notwendigen Ausmaß zum nachweislichen Kindeswohl führen.
Möchte ein Mädchen spielerisch ausprobieren, wie es sich anfühlt mit einem Kopftuch in der Klasse zu sitzen, dann ist dieser Freiraum auch für Buben gegeben: So fühlt sich ein Kopftuch an! Kein Kindergarten- oder Volksschulkind wird das freiwillig auf Dauer mögen. So kann Genderarbeit, die ja im Unterrichtsprinzip vorgeschrieben ist, konkret umgesetzt werden!


Religionsunterricht mit sexistischen Werten ist verboten, darf nicht stattfinden.

Wir sind frei geboren! Wir werden nicht als Frauen/Männer geboren, wir werden dazu gemacht – gilt noch immer.
Daher gilt meine Forderung an die Regierung, 100 Millionen für Genderarbeit zu budgetieren – kontinuierlich, jedes Jahr in jedem Ministerium!

Ilse Seifried

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