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Konrad Paul Liessmann: Bildungsverweigerung und warum es sie nicht geben darf

Prof. Liessmann Bild: WU Vienna - Christof Wagner
Prof. Liessmann Bild: WU Vienna - Christof Wagner

Die von Univ. Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann 2012 eingeführte Vortragsreihe "Fachdidaktik kontrovers" soll laut Foldertext Studierenden, Fachdidaktikern und Lehrpersonen, aber auch allen an Schulentwicklung und Bildungsfragen Interessierten die Möglichkeit bieten, sich kritisch mit aktuellen Fragen des Philosophie-, Psychologie- und Ethikunterrichts und den damit zusammenhängenden bildungs- und gesellschaftspolitischen Diskursen auseinanderzusetzen.

 

Bildung als Grenzerfahrung. Die Gegenspieler: Fremdbestimmung, Abhängigkeit, Trägheit

ist das Thema der Vortragsreihe "Fachdidaktik kontrovers" für das Sommersemester 2018.

Am 13. Juni 2018 spricht Konrad Paul Liessmann in diesem Rahmen über:

„Der faule Schüler. Bildungsverweigerung und warum es sie nicht geben darf“

"Bildung macht nicht nur Spaß" und weitere interessante Aussagen von Konrad Paul Liessmann im Interview, das Lisa Nimmervoll (DerStandard.at) mit dem Philosophen führte, machen Lust auf seinen Vortrag. Zum Beispiel, wenn Liessmann meint: „Ich würde das zumindest nicht ausschließen. Kompetenzorientierung tötet systematisch jede Neugier, sie erlaubt es nicht, sich mit Fragen inhaltlich auseinanderzusetzen, sondern trainiert nur isolierte formale Fähigkeiten. Wer nur Lesekompetenz erwerben soll, ohne dass ihm je überzeugend klargemacht wird, welche lesenswerten Bücher es gibt, wird wenig Freude am Lesen haben und diese Kompetenz bald wieder verlieren. Das ist eigentlich Betrug an jungen Menschen, denen das Beste unserer Kultur vorenthalten wird. Die Zentralmatura dokumentiert nur diese Misere, und sie erlaubt weder Lehrern noch Schülern, besondere Interessen oder Schwerpunkte zu demonstrieren. Wer das Mittelmaß zum Maßstab macht, wird eben immer nur Mittelmaß produzieren. Das zeigt auch, dass die wahren Bildungsverweigerer mitunter in den Zentren der Bildungsbürokratie und in den Reformkommissionen sitzen.“

ms

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Kommentare: 2
  • #1

    Renate Brunnbauer (Dienstag, 05 Juni 2018 12:25)

    Ja, stimmt, das klingt nach einem spannenden Vortrag! Der These, dass Kompetenzorientierung inhaltliche Auseinandersetzung grundsätzlich ausschließt, stimme ich allerdings nicht zu.
    Wir haben als Unterrichtende sinnvollerweise Ziele. Früher haben wir uns an Inhalten, dem Stoff orientiert. In manchen Bereichen wurde das Reproduzieren irgendwelcher Inhalte dadurch in den Vordergrund gestellt. Wenn ich das Fach GSP betrachte, dann finde ich in den Kompetenzbeschreibungen in den aktuellen Lehrplanmodulen deutlich sinnvollere Zielsetzungen als es die Auflistungen von historischen Ereignissen jemals waren. Sinnvoller und aussichtsreicher, wenn es um eine anregende und angeregte Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen verschiedener Zeiten geht. Hier lässt die Kompetenzorientierung nicht nur Spielraum für inhaltliche, kontroverse Debatten, sondern verlangt sie geradezu.
    Zugegeben, meine Erfahrungen kommen ausschließlich aus dem Pflichtschulbereich. Ich kann mir gut vorstellen, dass eine kategorische Kompetenzorientierung in der Sekundarstufe II unangenehme Einschränkungen bedeutet.

  • #2

    Eibel Thomas (Mittwoch, 06 Juni 2018 18:46)

    Offensichtlich kann der Begriff "Kompetenzorientierung" sehr unterschiedlich verstanden werden. Herr Liessmann argumentiert so, als wäre vor der Infiltration des Bildungsbereich durch den Kompetenzbegriff den Schüler/innen systematisch die Freude am Lesen aus den Augen getröpfelt. In Wirklichkeit traf das nur auf einige wenige zu, leider für viele eben nicht. Möglicherweise blendet Liessmann die vielen Bildungsverlierer von damals aus, die zwar als Zahlen in Statistiken zu finden sind, jedoch möglicherweise nicht im Freundes-, Bekannten- und Studentenkreis von Liessmann.
    Mit der Anstrengung und dem Ziel des "erfolgreichen Anwendens der Fähigkeit des Lesen" (= Lesekompetenz) in der Breite zu bringen, also auch jenen zugängig zu machen, die im toten Winkel Liessmanns stehen, ist dieses Bildungssystem bereits viel ehrgeiziger und für die Schüler/innen hilfreicher aufgestellt, als jenes aus der Zeit, bevor der Kompetenzbegriff Einzug hielt. Liessmanns Postulat, dass Lesen jedem Freude machen könne, da es so viele lesenswerte Bücher gibt, kann überhaupt erst nachgeprüft werden, wenn die Hürde der Lesekompetenz von mehr Menschen überwunden wurde, als das in der Vergangenheit der Fall ist. Liessmann sieht und spricht offensichtlich nur über jene kleine gut gebildete Gruppe, für die Lesekompetenz sowieso keine Herausforderung ist und echauffiert sich über deren ausbildungsfixierte Zielgerichtetheit und ihr Bildungsdesinteresse. Herr Liessmann: Diese Gruppe macht ihren Weg erfolgreich durch ein mehr oder weniger gelungenes Leben, unabhängig davon, ob diese Menschen die gleichen Bücher lesen wie Sie oder eben nicht.
    Sorgen machen und sprechen sollten Sie viel mehr über jene, für die Lesekompetenz keine Selbstverständlichkeit ist, weil sie aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sind oder waren, sich Lesekompetenz anzueignen. Der interessanterweise recht neue Auftrag, das österreichische Bildungssystem möge doch bitte verlässlich Lesekompetenz vermitteln, steht am Beginn einer Bildungsreise für viel mehr Menschen, als das in der Vergangenheit war. Ich bitte Sie, das zu unterstützen.
    Denn diese Anstrengungen schlechtreden bedeutet, die Leistung jener vielen Schüler/innen zu verderben, denen die Änderungen im Bildungssystem der letzen Jahre zugute gekommen sind, für die bereits das Erreichen der Lesekompetenz ein großer Erfolg ist. Generationen von Kindern vor der jetzigen wurde dieser Erfolg durch Ignoranz im Schulsystem verwehrt. Ich bitte Sie dafür Ihrer Bildungseitelkeit abzulegen, damit Ihr Blick nicht weiter versperrt wird auf diese Kinder.

    P.S.: Vielleicht habe ich Ihr Statement oben auch komplett falsch verstanden und Sie meinen, Lesekompetenz sei nicht mehr notwendig, da es ja viele lesenswerte Bücher heute bereits als Hörbücher gibt und Lesekompetenz aus diesem Grund sowieso nicht mehr notwendig ist. In diesem Fall möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass zum Bestellen eines Hörbuches doch eine gewisse Lesekompetenz von Nöten ist, falls man nicht ständig auf Hilfe angewiesen sein möchte.