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James C. Scotts: "Die Mühlen der Zivilisation" - Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten. Rezension von I.M. Seifried

 Bereits im 7-seitigen Vorwort macht der Autor klar, woran wir mit ihm und seinem Buch sind:

„Das vorliegende Buch reflektiert also meine Bemühung, tiefer zu schürfen. Es ist immer noch sehr das Werk eines Amateurs. … In dieser Hinsicht könnten mein Unwissen und meine anschließende Verblüffung darüber, wie viel von dem, was ich zu wissen glaubte, falsch war, vielleicht von Vorteil beim Schreiben für einen Adressatenkreis sein, der von den gleichen Fehlvorstellungen ausgeht. …

 

Die erstaunlichen Fortschritte unseres Verständnisses im Verlauf der letzten beiden Jahrzehnte haben dazu gedient, das, was wir über die ersten »Zivilisationen« im mesopotamischen Schwemmland und anderswo zu wissen glaubten, radikal zu revidieren oder total umzustürzen. … Es zeigt sich aber, dass Sesshaftigkeit der nachgewiesenen Domestikation von Pflanzen und Tier lange vorausging. …

 

Sesshaftigkeit und das erste Erscheinen von Städten galten typischerweise als Folge von Bewässerung und Staatengründung. Stattdessen erweist sich, dass beide gewöhnlich das Produkt überreichlich vorhandener Feuchtgebiete sind. Wir glaubten, dass Sesshaftigkeit und Kultivierung direkt zur Staatenbildung geführt hätten, doch Staaten tauchten erst lange nach dem Erscheinen feldgebundener Landwirtschaft auf. …

 

Der Staat und die frühen Zivilisationen galten oft als Magneten, die die Menschen dank ihres Luxus, ihrer Kultur und ihres Chancenreichtums angezogen hätten. In Wirklichkeit mussten die frühen Staaten einen Großteil ihrer Bevölkerung erbeuten und in Knechtschaft halten. … So schlage ich vor, Domestikation im umfassendsten Sinne als Kontrolle der Reproduktion nicht nur auf Feuer, Pflanzen und Tiere anzuwenden, sondern auch auf Sklaven, Staatsuntertanen und Frauen in der patriarchalen Familie. Ich vertrete die These, dass Zerealien einzigartige Merkmale besitzen, die sie im Grunde überall zu der für die frühe Staatenbildung unentbehrlichen »Hauptwährung« der Besteuerung werden ließen. Ich glaube, dass wir die Bedeutung der (ansteckenden) Krankheiten, die vom dichteren Zusammenleben begünstigt wurden, für die demographische Fragilität des frühen Staates womöglich grob unterschätzt haben. …

 

All diese Folgerungen, die ich aus meiner Lektüre der Beweis-mittel ziehe, sind als Provokationen gemeint. Sie sollen zu weiterer Re-flexion und Forschung anregen. Wenn ich um eine Antwort verlegen bin, weise ich offen darauf hin. Wenn die Beweislage dünn ist und ich in Spekulation abschweife, verfahre ich ebenso. … Mein Augenmerk liegt fast vollständig auf Mesopotamien und besonders auf dem »südlichen Alluvium« südlich der heutigen Stadt Basra.“

 

In der Einleitung liegt der Fokus auf Ein Narrativ in Trümmern: Was ich nicht wusste

 

Der Hauptteil des Buches gliedert sich in 7 Kapitel

 

EINS. Die Domestikation des Feuers, der Pflanzen und Tiere...und unserer selbst

ZWEI. Die Landschaft der Welt gestalten: Der Hauskomplex

DREI. Zoonosen: Ein epidemiologisches Verhängnis

VIER. Die Agroökologie des frühen Staates

FÜNF. Bevölkerungskontrolle: Knechtschaft und Krieg

SECHS. Die Zerbrechlichkeit des frühen Staates: Zusammenbruch als Zerfall

SIEBEN. Das goldene Zeitalter der Barbaren

 

Den Abschluss bilden die informativen anschließenden Anmerkungen, weiters das Literaturverzeichnis und ein Register.

 

Das Buch führt unweigerlich beim oder nach dem Lesen auch zu aktuellen Themen der Gegenwart. Denn jene, die sesshaft wurden, hatten natürlich auch Gegenspieler_innen. Diese wurden als „Barbar_innen“ bezeichnet. Ursprünglich wurden von den Griech_innen all jene so benannt, die nicht die griechische Sprache verstanden und sprachen. Später werden all jene in diesem Begriff versammelt, die sich der eigenen Zivilisation der Sprechenden verweigerten bzw. nicht angehörten. Die „Barbar_innen“ verweigerten sich den Regeln und Gesetzen der Sesshaften, weil sie andere Prioritäten hatten. Wer sind heute die Barbar_innen? Welche Freiräume gibt es heute (nicht mehr bzw. noch) für einzelne Personen und Personengruppen? Wer beansprucht diese Freiräume? Können Roma und Sinti als Nachfahren der Widerständigen bezeichnet werden?

 

Die weltweit großen Flucht- und auch Nomadenbewegungen sind Realität. Ebenso die Umweltzerstörung und der Klimawandel. Welcher Preis wurde für die Sesshaftigkeit bezahlt und welchen Preis bezahlen wir noch immer, und sind uns dessen gar nicht bewusst? Manche Antwort hat das Potential unsere politische Ordnung zu erschüttern!

 

James C. Scotts Theorie, dass die ersten Stadtstaaten aus der Kontrolle über die Reproduktion entstanden, ist jedoch nicht neu. Diese Kontrolle als Beginn der männlichen Herrschaft über Frauen sah bereits die Wiener Sozialwissenschafterin Dr.in Elisabeth Tralori (Lit.: Vom Lieben und vom Töten: Zur Geschichte patriarchaler Fortpflanzungskontrolle; Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1983). Gut, dass dieser Aspekt wieder ans Licht gebracht wird.

 

Trotz der komplexen Fakten und Zusammenhänge liest sich dieses Buch erstaunlich spannend und leicht und trägt dazu bei, jahrzehntelanges unhinterfragtes Wissen endlich zu hinterfragen.

 

Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf ein anderes sehr interessantes und lesenswertes Buch:

Krause, Johannes / Trappe, Thomas: Die Reise unserer Gene Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren, Propyläen Verlag, 2019 Was können menschliche Gene mittels neuester Technologien erzählen? Sie erzählen zum Beispiel, dass die ersten Europäer*innen dunkelhäutig waren, dass es keine „reinen“ europäischen Wurzeln gibt und der Ackerbau vor 8000 Jahren mit aus dem Nahen Osten stammenden eingewanderten Großfamilien nach Europa kam und mit dem Ackerbau auch Krankheiten. Die Umstellung von nomadischem Leben auf eine sesshafte Lebensweise, mit all den individuellen und gesellschaftspolitischen Vor- und Nachteile, verlief auch damals nicht immer konfliktfrei ab.

 

James C. Scotts: "Die Mühlen der Zivilisation" ist in meinen Augen nicht nur für alle Lehrer*innen sondern auch jene, die wissen wollen, wie vom heutigen Forschungsstandpunkt unsere Kultur entstanden sein könnte, eine wichtige Lektüre.

 

Rezension

Ilse M. Seifried

http://www.das-labyrinth.at/

https://www.i-m-seifried.at/

 

Aug. 2019

 

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