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Rezension: Im Rausch des Schreibens von Musil bis Bachmann

Bild: hanser-literaturverlage.de
Bild: hanser-literaturverlage.de

Dieses Begleitbuch zur zweiten Sonderausstellung des Literaturmuseums der Österrei­chischen Nationalbibliothek in Wien, die von April 2017 bis Februar 2018 präsentiert wurde,

(siehe auch www.onb.ac.at/museen/literaturmuseum/)

erschien als » Nr. 24 der Reihe Profile.

 

Es ist ein interessantes und gut illustriertes Buch geworden, sodass es auch nach dem Ende der Ausstellung besprochen werden soll.

 

Die Fragen lauten: Was stimuliert zu schreiben? Wie verliefen Schreibprozesse bekannter österreichischer Autor*innen ? Welches Spektrum der Zustände zwischen Euphorie und Entrückung, Exzess und Askese, Konzentration und Selbstdisziplin gibt es? Die Aspekte Rausch, Genuss, Trance, Ekstase und Körpergetriebenheit, das Spannungsverhältnis zwischen Schreibarbeit und literarischer Grenzerfahrung sind Thema.

 

Folgende 5 Aha-Erlebnisse bzw. Erkenntnisse hatten die Herausgeberinnen Katharina Manojlovic und Kerstin Putz während ihrer Tätigkeit. Diese beschreiben sie so:

 

„ Wie die Wiener Dichterin Elfriede Gerstl den Zusammenhang zwischen Schreibrausch und Schreibarbeit in ihrem Gedicht „vom dichten“ (2002) auf den Punkt bringt: das gedicht nimmt von mir besitz / und fährt aus mir aus / wie ein spuk / manchmal muss man dran werkeln / dann ists kein rausch / keine droge / fast arbeit.“

 

„Dass der österreichische Schriftsteller Leo Perutz in seinem Roman St. Petri-Schnee (1933) die Wirkung der im Getreidepilz Mutterkorn vorkommenden Alkaloide beschreibt, die zehn Jahre später in synthetisierter Form als LSD berühmt wurden.“

 

„Dass der heute weithin bekannte Pop-Song Ganz Wien des Musikers und Sprachkünstlers Falco 1981 vom Österreichische Rundfunk wegen seines jugendgefährdenden Inhaltes auf den Index gesetzt wurde und nicht im Radio gespielt werden durfte. Songzeilen wie Ganz Wien is heit auf Heroin / Ganz Wien träumt mit Mozambin / Ganz Wien, Wien, Wien / greift auch zu Kokain waren offensichtlich damals nicht radiotauglich. Daraufhin wurde eine entschärfte englische Version mit dem Titel That Scene veröffentlicht, die sich wochenlang in der Ö3-Hitparade hielt.“

 

„Wie nahe Schreibekstase und Verausgabung beieinander liegen können: In Ingeborg Bachmanns Schreiben etwa zeigt sich die düstere Seite des Rausches in der Haschisch-Episode aus dem Roman-Fragment Das Buch Franza: Das halluzinierende Ich erlebt den Rausch der Zeichen als Bedrohung: die Hieroglyphen wälzten über ihre Augen, unter ihren Augen.“

 

„Die an pointierter Komik und literarischem Eigensinn nicht zu überbietenden Zigarettengedichte des Schriftstellers und Gugginger Künstlers Ernst Herbeck. Etwa sein Zweizeiler Selbstbewußtsein aus dem Jahr 1978: Wenn man raucht erübrigt es / sich.“

 

Für Lesende wie mich stellt sich auch die Frage: Spielt Gender eine Rolle?

 

Von der Quantität lässt sich ein Ungleichgewicht konstatieren: Es wird über 4 Schriftstellerinnen (Friederike Mayröcker, Ingeborg Bachmann, Mela Hartwig, Elfriede Gerstl) und 24 Schriftsteller (Franz Kafka, Robert Musil, Heimito von Doderer, Peter Handke, Gert Jonkes, Karl Kraus u.a.) geschrieben. Eingefügt gibt es zwei kurze frauenbezogene Texte (»Raucht die Dame auf der Straße?«, Die Frauen und das Rauchen). Das Thema „Gender“ wird bedauerlicher Weise auf der Strukturellen-Meta-Ebene nicht reflektiert. Von den insgesamt 28 Autor*innen tragen 18 männliche und 10 weibliche Vornamen. Somit ist auch da keine Balance gegeben. Diese drei Gegebenheiten bei einem Buch, das 2017 publiziert wurde, feststellen zu müssen, ist wirklich bedauerlich.

 

Aufgrund der unterschiedlichen Blickweisen auf das Thema Schreibprozesse und Schriftsteller*innenpersönlichkeiten und deren Werke und die gute Strukturierung des Buches mit vielen interessanten Abbildungen (Handschriften, Plakate u.a.m.) machen es für Germanistiker*innen an der AHS-Oberstufe lesenswert. Sie finden darin auch einige spannende Impulse für ihren Unterricht.

 

Hrg.: Katharina Manojlovic, Kerstin Putz

Im Rausch des Schreibens - Von Musil bis Bachmann

384 Seiten, Paperback

€ 27,80

Zsolnay 2017

ISBN 978-3-552-05826-2

 

Sept. 2019

Rezension: Ilse M. Seifried

http://www.i-m-seifried.at

http://www.das-labyrinth.at

 

Bildnachweis: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/im-rausch-des-schreibens/978-3-552-05826-2/

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