Wiesingers Machtkampf im Ministerium, rezensiert von I. M. Seifried

Abbildung: Quo Vadis Veritas Verlag Redaktions GmbH
Abbildung: Quo Vadis Veritas Verlag Redaktions GmbH

Susanne Wiesinger mit Jan Thies: Machtkampf im Ministerium, Wie Parteipolitik unsere Schulen zerstört. Mit einem Vorwort von Konrad Paul Liessmann. Addendum / Edition QVV, Hardcover mit Schutzumschlag

240 Seiten, € 22.00,-. ISBN 978-3-200-06697-7

 

Noch ehe das Buch am 20.1.2020 zu kaufen war, war es Thema in den Medien. Mit dem Buch stand ebenso die Autorin im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. An ihrer Person entzündeten sich heftige emotionale Diskussionen mit dem Vorwurf, sie unterstütze rechtes Gedankengut.

 

Es gibt keine Objektivität aus der heraus etwas beurteilt werden kann. Daher mache ich meine über 35-jährige Berufstätigkeit als Sonderschullehrerin in Wien sichtbar. Andere mögen andere Erfahrungen gemacht haben, in anderen Zusammenhängen tätig sein. Statistiken sagen auf ihre Art auch viel aus.

 

Den Buchtitel "Machtkampf im Ministerium" finde ich passend und der Realität entsprechend. Die Zielvorstellungen der bildungspolitischen Positionen der ÖVP bzw. SPÖ liegen allen als Gegenpole offen vor Augen. Dass es da keine Machtkämpfe geben soll, mutet weltfremd an. Die eine Partei möchte mehr Chancengleichheit für alle, die andere Partei setzt auf Kontrolle und Leistung. In anderen Ländern wie Finnland ist es möglich, Bildungspolitik von der Parteipolitik zu entkoppeln und demokratische Strukturen zu leben.

 

Wiesinger will mit ihrem Buch aufzeigen, WIE Parteipolitik unsere Schulen zerstört. Ihr Buch ist keine wissenschaftliche Untersuchung, sondern ihr Erfahrungsbericht. Legitim. Und nachvollziehbar.

 

In 19 Themenkapitel (Vom Klassenzimmer ins Ministerium, Parteipolitische Vereinnahmung, Falsche Unterstützung u.a.m.) unterteilt sie (mit ihrem Co-Autor Jan Thies) das Buch. Ihr Stil ist klar und sachlich, leicht zu lesen und nachvollziehbar.

 

Ob wesentlich oder nicht, irritiert hat mich die männliche Sprachform des Buches. Von Schülern, Lehrern etc. ist die Rede – wenn Geschlecht schon keine Rolle spielen soll, dann sollten Worte wie „Unterrichtende“ „Lehrpersonen“ etc. verwendet werden. Geschlecht spielt aber eine Rolle, wenn es z.B. um das Kopftuch der Mädchen, nicht jedoch der Kippa oder Dastar auf Köpfen von Buben geht. Das zeigt, wie schwierig es für jede einzelne Person ist, manchen/allen Aspekten gesellschaftlicher Veränderungen gerecht zu werden. Im Anhang sind Zahlen, Daten und Fakten zu finden.

 

Ihr Nachwort schließt Wiesinger mit den Worten: „Es ist höchste Zeit, ideologische Gräben zu überwinden und parteipolitische Machtkämpfe zu beenden. Wir müssen uns in Bewegung setzen und die Probleme in unseren Schulen endlich gemeinsam anpacken.“

 

Die Realität, die ich sehe: Auf bildungspolitischer Ebene gibt es nicht einmal eine Absicht, gemeinsam ein Problem über Parteigrenzen hinweg lösen zu wollen, geschweige denn, einen politischen Willen. Wo kein Wille, da kein Weg. Denn selbst da, wo ein politischer Wille vorhanden war, dauerte es viele Jahre zur Umsetzung. (Die „Integrierte Grundschule“ wurde 1974 vom Bundesministerium initiiert doch erst 1993 in der 15. SchOG-Novelle gesetzlich verankert. 1996 erfolgte die gesetzliche Verankerung des gemeinsamen Unterrichts an der Hauptschule und der Unterstufe der allgemeinbildenden im Rahmen der 17. SchOG-Novelle. Heute ist Inklusion das Ziel.)

 

Gute Lösungen können immer nur gemeinsam erarbeitet werden. Offenbar hatten und hat weder Unterrichtsminister Faßmann noch sein Kabinett letztendlich ein Interesse am offenen Dialog mit Lehrer*innen. Dass er als Wissenschaftler trotz besseren Wissens die Noten in der 2. Klasse VS wieder einführte, zeigt doch deutlich die Übermacht der Parteipolitik und Parteiideologie!

 

Was löste das Lesen in mir aus?

Zustandsbeschreibungen, die mir vertraut sind, und am Ende auch Visionsleere. Ihre Aufgabe sah Wiesinger nicht darin, Lösungen aufzuzeigen, sondern einen Ist-Zustand bzw. viele Ist-Zustände zu beschreiben, die ihr als Ombudsfrau zugetragen wurden. Da es keine Studie war, gibt es keine Zahlen zum Ausmaß der Probleme. Ein Teil des Buches erzählt auch über das, was sie im Ministerium erlebte.

 

Es gab viele „Good practice Projekte“, denen nach einiger Zeit der Geldhahn abgedreht, die Ressourcen wieder gekürzt wurden. Es gab Ankündigungen (z.B. mehr Sozialarbeiter*innen u.a. Supportpersonal an Schulen etc.), die nicht eingehalten wurden. Das frustriert. Es gibt derzeit viele „Good practice Projekte“, die jedoch keinen Raum im Buch gefunden haben. Der Lehrerin Wiesinger geht es sowohl darum, systemische Dynamiken der Bildungspolitik aufzuzeigen als auch das, was sie als Missstand betrachtet: Alles, was an den Schulen gegen Demokratie, Gleichberechtigung und Kinder-/Menschenrechte verstößt, sowie der zu mächtige Einfluss der katholischen Kirche und das Wegschauen der Bildungsbehörden von Problemen.

 

Auch wenn sie aus einer pragmatisierten Position heraus ihre Meinung sagt, ist ihr Mut keine Selbstverständlichkeit. Für viele in der Institution Schule / Ministerium ist es einfacher, aus Angst vor Konflikten, Versetzungen, Kündigungen zu schweigen, als zu sagen, was zu sagen ist. Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung und Konfliktmanagement gab es am Pädagogischen Institut in Wien bis zur Schließung 2007. Aus Spargründen gibt es keine mehr. Bildung kostet. Es liegt an den regierenden Parteien, die Gelder zu verteilen, und somit ist und bleibt Bildungspolitik Parteipolitik.

 

Mit dem Reden etwas in Bewegung bringen – ob von raschem oder keinem Erfolg gekrönt– ist ein Beginn. Miteinander weiter zu reden ist eine Fortsetzung! Als Impuls dazu kann Wiesingers Buch gut dienen, die starren hierarchischen Strukturen und Machtdynamiken zu hinterfragen. Ins Wanken zu bringen wird wohl nicht gelingen. Es kann aber alles, wie so oft, sich einfach wieder einrenken bzw. wie Wasser im Sand verlaufen. Danach sieht es mir im Moment leider aus.

Sammeln wir unsere zivilgesellschaftlichen Kräfte, um eine neoliberale Bildungspolitik zu beenden und eine Bildungspolitik zu entwickeln, die kein Kind, keinen Elternteil, keine Lehrer*in zurücklässt oder benachteiligt (siehe https://www.oeliug.at/oeli-denkart/oeli-positionen/), sondern alle Potentiale maximal und optimal fördert, weil chancengleiche Bildung aller wichtig ist.

 

Rezension

Ilse Seifried

https://www.i-m-seifried.at

 

Mehr Infos über die Quo Vadis Veritas Stiftung, addendum und die Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH.

 

Zweck der Quo Vadis Veritas Redaktions GmhB: "Die gemeinnützige Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH wurde als Medien- und Rechercheplattform von der gemeinnützigen Quo Vadis Veritas Stiftung gegründet. Sie agiert vollkommen unabhängig und verfolgt das Ziel, an der Wiederherstellung einer gemeinsamen Faktenbasis für eine qualifizierte politische Debatte zu arbeiten. Dieser rekonstruktive Journalismus hat für sich den Anspruch, der Wirklichkeit in der am besten verfügbaren Form – mithilfe von Recherche und Datenanalyse – so nahe wie möglich zu kommen."

 

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