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Realitätscheck: Die Schule, Corona, die Behörden und wir!

Im Maßnahmen-Dschungel. Bildnachweis siehe Seitenende
Im Maßnahmen-Dschungel. Bildnachweis siehe Seitenende

Über Behördenwirrwarr und für Covid-Schnelltests schreibt Ambros Gruber: "Wennst Klassenvorstand einer Klasse mit einem Coronafall bist, dann kannst was erzählen."

 

Freitag, 2. Oktober 2020.

Die dritte Schulwoche in OÖ neigt sich einem  – scheinbar – positiven Ende zu. Ich halte meine vier Stunden Unterricht und verabschiede mich, erstmals seit Schulanfang, gegen Mittag, um am häuslichen Herd ein wohlschmeckendes Mittagessen zuzubereiten.

 

Gerade bin ich beim Erdäpfelsalatfinalisieren, da scheppert mein Handy. Mit grundbirnpickerten Fingern schaffe ich die Wischbewegung zum Abheben gerade noch rechtzeitig und schon als ich das Gerät zum Ohr führe, schallt es mir entgegen: „Herr Fessa, die XY is positiv!“ Zur Erklärung: Schülerin XY fehlte ab Donnerstag, weil sie laut Auskunft der Erziehungsberechtigten krank war. Das Testergebnis des Corona-Tests vom Donnerstag Vormittag wurde ihr am Freitag zu Mittag mitgeteilt.

 

Ich beruhige die Schüler*innen und sage ihnen, dass sie in den nächsten Stunden „auf Empfang“ bleiben sollen, um von der Direktorin und der BH die nächsten Schritte zu erfahren. Bei meiner Chefin rufe ich natürlich auch gleich an, die ist natürlich schon im Bilde und hat schon Kontakt mit der BH.

 

Die BH Kirchdorf erledigt alles professionell und nach Notfallplan.

 

Allerdings: Die Schüler*innen werden nach Hause geschickt. Sollte sich eine*r bei der positiv getesteten Schülerin bis Mittwoch angesteckt haben, dann geht die Infektion in den Familien munter weiter…

 

Die Schüler*innen aus den Bezirken Kirchdorf, Gmunden und Steyr Land werden relativ schnell informiert, sie erhalten noch am Freitag einen „Absonderungsbescheid“ (ein Begriff, für den sich ein*e Amtsdeutschwortschöpfer*in einen Sonderpreis der Duden-Redaktion verdienen wird!) und einen Testtermin.

 

Diejenigen aus dem Bezirk Linz Land allerdings erfahren erst am Samstag von der Behörde, was genau los ist.

 

Unglaublich!

 

Hier hapert’s bei dem Bezirks-System genau dort, wo ich bereits von Anfang an den größten Holzfuß vermutete: Höhere Schulen haben meistens Schüler*innen aus mehreren Bezirken. Bei der Übermittlung von Daten von einem Bezirk zum anderen kommt es zu unnötigen Zeit- und Reibungsverlusten.

 

Das melde ich am Montag gleich mit der mir üblichen Empörung bei Fachausschuss und Bildungsdirektion.

 

Der Freitagnachmittag, den ich der Entspannung und einigen Überlegungen zur Gestaltung der ersten mehrstündigen Schularbeiten im Maturajahrgang widmen wollte, geht drauf für die freiwillige Unterstützung der Direktorin beim Abbilden von Sitzplänen für die ganze Woche, damit die BH möglichst bald einen genauen Überblick über das mögliche Infektionsgeschehen hat und das „Kontakt-Tracing“ gut managen kann.

 

Da meine Direktorin gleich allen Lehrer*innen ein BH-Formular mit Verhaltensempfehlungen für „Mitglieder der Kontaktpersonengruppe II“ weiterleitet, halte ich möglichst Abstand zu meiner Familie, schlafe in einem eigenen Raum, besuche weder meine betagten Eltern noch den noch betagteren Schwiegervater, halte ab Montag im Unterricht Abstand zu den Schüler*innen und beziehe – die Raumsituation erlaubt’s bei uns in Kirchdorf – ein eigenes „Abstandskonferenzzimmer“. Schüler*innen und Kolleg*innen werden natürlich über den Grund meines Verhaltens aufgeklärt. Außerdem trage ich – wie auch sonst immer außer beim schnellen Kaffeetrinken – eine Maske (wohlgemerkt auch beim Sprechen im Unterricht seit Schulanfang – auf Nachfrage gab es keine Verständnisprobleme von Seiten der Schüler*innen).

 

Montag, 5. Oktober:

Die Schüler*innen „meiner“ HLW-Klasse und jene aus der Parallelklasse, die als Mitglieder einer Mischgruppe in Englisch und Französisch mit der infizierten Schüler*in in einem Raum Unterricht hatten, erhalten ihren Unterricht per MS Teams.

 

Der EDV-Kustode hat ganze Arbeit geleistet, meine Kolleg*innen sind am 23. und 30. September gerade erst zwei Nachmittage geschult worden im Umgang mit diesem Tool und können sich nun im Erproben des neu Erlernten austoben – es kommt auch gleich von Eltern und Schüler*innen Lob für diesen Distanz-Unterricht laut Stundenplan.

 

Insgesamt aber habe ich als Klassenvorstand den Eindruck, dass die Situation für die Schüler*innen doch sehr belastend ist, weil sie plötzlich wieder „eingesperrt“ sind und zum Teil auch Angst haben, Familienangehörige anzustecken oder weil sie an lange geplanten Feiern – die meisten davon sind ja ohnehin schon stark reduziert in Umfang und von der Personenzahl her – nicht teilnehmen können.

 

Ansonsten keimt Hoffnung auf, weil bisher alle Testergebnisse negativ sind – sogar von jenen Schüler*innen, die direkt neben der infizierten Schülerin sitzen.

 

Dienstag, 6. Oktober:

Meine Direktorin erfährt, dass doch noch ein weiterer Schüler ein positives Testergebnis vorweist.

Da ich sie darauf aufmerksam mache, dass dieser Schüler in der 1. Reihe in der Nähe des Lehrer*innen-Tisches sitzt, wird am Mittwoch in der Früh die BH Kirchdorf aktiv und schickt alle von uns, die am Freitag diesen Schüler unterrichtet haben, in Quarantäne und zum PCR-Test.

 

Anruf bei der BH: Mein Hinweis darauf, dass wir ohnehin alle seit Freitag uns und unseren Gesundheitszustand sehr genau beobachten, Abstand halten etc. wird bei der Behörde wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber da wir als Lehrer*innen mehr als 15 Minuten im selben Raum wie der Schüler waren und nicht den notwendigen Abstand von zwei Metern einhalten konnten, werden auch wir mit einem „Absonderungsbescheid“ beglückt. Ich kann mich nicht enthalten, diese Quarantäne als mehr als lächerlich zu bezeichnen, weil ich doch zwei ganze Unterrichtstage schon alle möglichen Leute angesteckt haben könnte, bedenkt der freundliche Herr von der BH mit einem „Ja, da haben Sie sicher Recht!“ Aber er müsse dennoch die gesetzlich vorgeschriebene Quarantäne verhängen.

 

Nun denn, ich begebe mich nach Hause, informiere die Schüler*innen per Mail über den Stand der Dinge und bereite mich auf den Online-Unterricht per MS Teams und Eduvidual vor.

 

Was lernen wir daraus?

 

Erstens: Der Informationsweg Schule-BH-Betroffene muss vereinfacht werden.

Die BH jenes Bezirks, in dem die Schule liegt, ist zuständig für die umgehende Information der betroffenen Schüler*innen und deren Familien und genauso jener Lehrer*innen, welche in der betreffenden Klasse/Schüler*innengruppe Unterricht gehabt haben. Die BH muss diese auch auf dem Monitor haben, um eine weitere Infektion zu vermeiden. Quarantäne erst dann zu verordnen, wenn – nach mehreren Tagen – ein positives Testergebnis vorliegt, ist Schwachsinn!

 

Dass diese Vorgangsweise nicht ohnehin durchgeführt wird, zeugt für mich von einer schlechten Vorbereitungsarbeit von Seiten des Ministeriums – es wurde viel zu optimistisch von einem „normalen Schulanfang“ ausgegangen (ich erinnere mich genau an BM Faßmanns Aussagen von Mitte Juni in diese Richtung) und auf die Ausarbeitung von konkreten, effizienten Richtlinien leider verzichtet.

 

Zweitens: Informell muss natürlich das Krisenteam jeder Schule über die Direktion die Schüler*innen, deren Familien und die betroffenen Lehrer*innen informieren, damit jede*r für sich schon umgehend und selbstverantwortlich Maßnahmen setzen kann und die Gefährdung anderer möglichst minimiert.

 

Drittens: Gerüchten in den "Sozialen Medien" mit schnellen Mails der Schulleitung zuvorkommen! Dies sollte der informellste aller Kanäle sein – Gerüchte in den „Sozialen Medien“ sind zwar nicht zu vermeiden, aber Mails direkt von der Direktion an die Erziehungsberechtigten und Schüler*innen sind sicher wesentlich faktenbasierter und sachlicher als das (a)soziale Geschreibsel.

 

Viertens: Schnelltests sind zu forcieren. Das Warten und die Unsicherheit für die Betroffenen selbst und für deren Familien und wiederum die Kontakte der Familienmitglieder – Freund*innen, Schulkolleg*innen, Musikschullehrer*innen, Orchester- und Ensemblemitglieder usw. sind unerträglich, schädlich, psychisch belastend, kurz gesagt: besch…euert!

 

Zu guter Letzt sei noch gesagt:

 

Ja, ich beobachte mich und meine Gesundheit weiterhin sehr genau.

Ja, ich messe mehrmals pro Tag meine Temperatur (schwankt zwischen 34,2 und 35,8 – also Marke „eiskalter Mostschädl“), trinke weiterhin so viel Kaffee wie zuvor (rund einen Liter pro Tag – schwarz, stark, ohne Zucker) und an jedem zweiten Abend ein Achterl Rotwein (vorzugsweise biologisch und herb, aus Österreich – des kürzeren Transportwegs wegen, nicht aus Nationalismus natürlich).

Ja, ich fühle mich weiterhin gesund.

 

Ja, aber ich fühle mich auch von der Regierung – insbesondere von den Bundesministern Faßmann und Anschober – schlecht regiert.

 

Kirchdorf an der Krems, am 7.Oktober 2020, Mag. Ambros Gruber

 

Ambros Gruber ist Lehrer für Deutsch und Französisch am Bundesschulcluster BBS Kirchdorf an der Krems (HAK+HLW), Oberösterreich; Klassenvorstand eines 2. Jahrgangs HLW; Mitglied des schulinternen Covid-19-Krisenteams

 

Bildnachweis: Bearbeitung von Peter Steiner auf der Basis der Bilder Bild von  Gerd Altmann und 1234hadar  auf   Pixabay

 

 


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