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Noch weniger Geld für noch mehr Pflichtschüler*innen – Bildungsdirektion Wien auf Tauchstation

Das große Fragezeichen
Das große Fragezeichen: Wieviel Mittel gibt's für die Pflichtschüler*innen im Herbst?

Im Schuljahr 2011/12 sank die Zahl der Pflichtschüler*innen in Wien zum letzten Mal und zwar von 95 159 im Vor(schul)jahr auf 94 761. Seither ging es stetig bergauf - oder bergab, je nachdem.

 

 „Bergauf“: Die Anzahl der Schüler*innen stieg an, wobei nur der Wert bis zum Schuljahr 2019/20 von der Statistik Austria bekundet wird. Bis dahin stieg die Zahl auf 112 789, ein Plus von 18 028 Kindern oder 721,12 Klassen. Für 2021 wagt das Institut eine Prognose von plus 1523 Kids /60,92 Klassen.

 

Das Schuljahr 2021/22 ist völlig und vollkommen unvorhersagbar, da die Schüler*innen Einschreibung erst fünf Monate zurückliegt und die beiden Beamten, die für die Einholung der Schüler*innenzahlen zuständig wären, längerfristig dienstverhindert sind. Aus diesem Grunde ist die Bildungsdirektion Wien bezüglich der Schüler*innenzahlen aufs Raten angewiesen. Immerhin konnten den Schulleitungen bereits am 22. Juni ungefähre Angaben, über die unter Umständen zur Verfügung stehenden Ressourcen gemacht werden. Sie lassen sich auf gut Wienerisch auf die Floskel „weniga wiads wean“ reduzieren. Es gibt in ganz Wien keinen Pflichtschulstandort, der für das Schuljahr 2021/22 keine Ressourcenverringerung hinnehmen muss.

 

Womit wir zu „Bergab“ kommen. Zum tieferen Verständnis dieser Richtung muss zunächst erläutert werden, was sich hinter der leicht spöttisch anmutenden Abkürzung „VBÄ“ verbirgt. Diese bedeutet Vollbeschäftigungsäquivalent und dient der Berechnung der für den Pflichtschulbereich zur Verfügung gestellten Mittel auf Basis der Anzahl der Schüler*innen, die im Februar gezählt wurden, aber aus den erwähnten Gründen auch nach fünf Monaten in der Bildungsdirektion nicht bekannt sind. Kurz: Für soundsoviele Kids gibt es soundsoviele VBÄs.

 

Dies führt uns zu der nicht unwesentlichen Frage, woher die Mittel, über deren Höhe keine Klarheit besteht, eigentlich daher kommen, nach Wien in die Bildungsdirektion. Sie kommen vom Bund, und dieser ist von der Bildungsdirektion fußläufig erreichbar. 400 Meter, mehr sind es nicht! Was lag näher, als einen Beamten die 400 Meter zum Bund zu schicken, um zu erfragen, ob über das Ausmaß der VBÄs ein Informationsstand existiere. Schon wenige Tage später kehrte er in die Bildungsdirektion zurück mit der Frohbotschaft, die da lautete: „130 VBÄ mehr! Aber nicht weitersagen!“

 

Die Bildungsdirektion kam diesem Auftrage im vollen Umfang nach und verheimlichte, wie seit Jahren üblich, die Berechnungsweise der Ermittlung der Gesamtressourcen sowie jene der Aufteilung dieser Ressourcen auf die Schulstandorte, dies jedoch erstmals unter der Bezeichnung „transparente Verteilung“. Der vorläufige Zwischenstand in der Bergabentwicklung der Ressourcen für die einzelnen Pflichtschulstandorte.

 

Schon in ihrer Inkarnation als Stadtschulrat wusste die Bildungsdirektion die Ressourcen trefflich zu verschleiern. Mittlerweile kann die Behörde und mit ihr die Stadt Wien auf ein Jahrzehnt zurückblicken, in dessen Verlauf auf stetig wachsende Schüler*innenzahlen durch entsprechende Ressourcenkürzungen reagiert wurde. Herr Wiederkehr scheint sich lückenlos in überkommen Praktiken einzufügen. Dass über die Höhe der Gesamtzuwendung des Bundes für die Wiener Pflichtschulen keinerlei Information das Tageslicht erreichten, darf angesichts des Ausmaßes an behördlicher Geheimniskrämerei nicht verwundern.

 

Umso wichtiger ist die Forderung nach penibelster Offenlegung sämtlicher Mittel für den gesamten Pflichtschulbereich Österreich. Es handelt sich dabei um Steuergeld!!

 

Das alles ließe sich durch die Beantwortung von zwei Fragen klären:

  • Wie berechnen sich die Mittel, die der Bund den Ländern für ihre Pflichtschulen gibt?
  • Welcher Schulstandort erhält warum wie viel?

 

Andreas Chvatal, Pflichtschullehrer in Wien

 

P.S: Als ehemaliger Gewerkschafter und Personalvertreter (immer noch) fühle ich mich für die beschriebene Misere mitverantwortlich. Ich hätte diesen Text schon vor Jahren schreiben und in seinem Sinne in den Gremien aktiv werden müssen. Hoffnung gibt mir das Wissen, dass in ganz Österreich eine neue Generation von Aktiven antritt, die meinen Fehler ausbügeln werden.


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